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Jeder Handgriff sitzt


Blick hinter die Kulissen: Kohlball in „Prüser´s Gasthof“ in Hellwege

Von Mareike Bannasch - Rotenburger Kreiszeitung vom 27.02.2014 -
HELLWEGE – Unbeeindruckt von Regen, Kälte und Wind ziehen seit einigen Wochen viele Gruppen auf Feldwegen durch dir Region. Mit dicken Jacken, Schnaps und Bollerwagen bewaffnet, haben sie alle ein Ziel: der warme Saal eines Gasthauses. In etlichen Betrieben des Altkreises steht seit Wochen dasselbe Großereignis auf dem Programm: der Kohlball. Doch was ist alles zu tun, bevor Kohl und Pinkel auf die Teller kommen? Unsere Zeitung hat in „Prüser´s Gasthof“ in Hellwege einen Blick hinter die Kulissen geworfen.
Um 80 Kilogramm umzurühren, braucht Christoph Krüger nicht nur den passenden überdimensionenalen Kochlöffel, sondern auch viel Kraft - Fotos: Bannasch
Letzte Abstimmung, bevor es los geht: Küchenchef Steffen Albert (l.) bespricht mit seinem Mitarbeiter Markus Zersen den genauen Zeitplan für das Garen des Kasselers.
Samstagnachmittag, die Ruhe vor dem Sturm: Während der Grünkohl bereits warm ist und der Kasseler im Ofen brät, gönnt sich das Team um Küchenchef Steffen Albert eine Verschnaufpause. Diese dient nicht nur zum Krafttanken, die Gruppe trifft letzte Absprachen. 320 Gäste stürmen in gut zwei Stunden den Saal, da muss jeder Handgriff sitzen.
Die Arbeit begann für Albert am Montag mit der Bestellung beim Schlachter. „Bei solchen Mengen muss ich frühzeitig wissen, was wir benötigen“, betont der Küchenchef, während er einen Blick in einen Kochtopf mit Würsten wirft. Die Gäste essen heute Abend schließlich nicht nur Kohl, sondern auch jede Menge Fleisch. Eingeplant sind 250 Koch- und Pinkelwürste, 50 Kilogramm Kasselernacken sowie 34 Kilogramm  -bauch, die schon so gut wie fertig sind. Genauso wie der Kohl, der in einem großen Kessel warm gehalten wird. Nun macht sich einer der Auszubildenden daran, mit einem riesigen Kochlöffel dafür zu sorgen, dass die 80 kg nicht anbrennen. Denn was zuhause gilt, stimmt auch in der Großküche: Grünkohl schmeckt einfach besser, wenn er schon mal gekocht wurde.
Auch für den Nachtisch hat das Küchenteam gesorgt: Es gibt Eistörtchen mit Kirschen und Sahnehaube, 350 an der Zahl.
Volles Haus: 320 Gäste haben sich zum Kohlessen und anschließendem Ball angemeldet.
Am Ende des Raumes sind Antje Frick und Erika Wind ebenfalls fleißig. Sie drehen Mettbälle für die Hochzeitssuppe, die es vor dem Hauptgang gibt. Neben den Klößen stellen die Köche übrigens auch den Eierstich frisch her. Und beim Nachtisch verlassen sich die Experten ebenfalls nicht auf Fertigprodukte. So hat Steffen Albert bereits gestern 350 Eistorten hergestellt, die zusammen mit Kirschen und Sahne auf die Tische kommen. Während das 13-köpfige Team jede freie Ecke der Küche in Beschlag nimmt, ist auch im Saal Hektik ausgebrochen. Dort hat Ute Prüser das Serviceteam um sich versammelt, während die Band ihr Equipment aufbaut. Allein für die Ausgabe des Essens plant Prüser 55-Servicegänge ein. Damit diese reibungslos über die Bühne gehen, sind die Kellner in Gruppen eingeteilt.
Bevor jedoch überhaupt an eine Bewirtung der Gäste zu denken ist, macht sich eine Gruppe daran, Suppen- und große Teller zu verteilen. Zwei weitere Kellnerinnen kümmern sich derweil um da Besteck. Sie sind mit weißen Handschuhen bewaffnet, schließlich sollen die Messer, Gabeln und Löffel keine Fingerabdrücke bekommen. Außerdem kommt ein erster Satz Gläser für Schnaps und Mixgetränke auf die Tische. „Die werden alle benutzt, da viele Gäste immer ganze Flaschen bestellen“, schildert Ute Prüser. Eine bestimmte Auswahl der Getränke ist übrigens frei, denn auch „Prüser´s Gasthof“ arbeitet mit Pauschalen.
Bei Christof Prüser (r.) gibt es die obligatorischen Bändchen. Ohne diese kommt kein Gast in den Saal.
Beim Zusammenstellen der Beilagen legen Küchenchef Steffen Albert (r.) und Lars Krampitz gemeinsam Hand an.
Dafür, dass die flüssige Stärkung auch bei den Tischen ankommt, sorgt das Getränketeam, das ab 18.00 Uhr alle Hände voll zu tun hat. Obwohl es eigentlich gar nicht so kalt ist, zieht es viele Gruppen bereits kurz nach dem Startschuss in den Saal. Bevor die Party beginnen kann, gibt es allerdings noch eine Hürde zu überwinden: die Garderobe. Aus Feuerschutzgründen dürfen weder große Taschen noch Jacken in den Saal mitgenommen werden. Mit dem Ansturm der ersten Gäste wird es auch in der Küche hektischer. Im hinteren Teil des Raumes läuft bereits die Ausgabe der Suppe. Küchenchef Albert nimmt derweil kleine gelbe Zettel entgegen, auf denen die Anzahl der Kohlportionen oder Auswahlessen notiert ist. Gäste, die keinen Grünkohl mögen, können sich zwischen vier anderen Varianten entscheiden – auch wenn das für das Küchenteam mehr Arbeit bedeutet. „Die Speisen werden auf dem Teller serviert und zusätzlich zubereitet“, verdeutlicht der Küchenchef, bevor er Luft holt, um die Anzahl der Kohlterrinen für Tisch elf nach hinten zu brüllen.
Bis zum Ende des Essens gegen 20.30 Uhr finden etliche Platten mit Fleisch, Schalen mit Kartoffeln und Kohl ihren Weg von der Küche in den Saal, wo es inzwischen hoch her geht. Zurück bleibt ein Chaos. Bergeweise schmutziges Geschirr türmt sich auf. Jede Menge Arbeit. Dem Partyvolk ist´s egal. Die Band Sturmflut gibt Vollgas.